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Das Studium und der Traum von der Chancengleichheit

Theoretisch kann jedes Kind in Deutschland – ob auf dem direkten Weg oder über Umwege – das Abitur machen. Theoretisch kann auch jeder Mensch, der die Allgemeine Hochschulreife geschafft hat, eine Universität oder eine Hochschule besuchen und ein Studium abschließen. Theoretisch hat sogar jeder Mensch das Recht auf die freie Berufswahl und kann genau den Berufsabschluss machen, mit dem er sich vorstellen kann, sein Leben lang den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Theoretisch.

Dass die Realität mitunter ganz anders aussieht, dürfte den meisten mehr als bewusst sein. Wie weit die Realität von den theoretischen Möglichkeiten allerdings tatsächlich abweicht, ist oft nur denen bewusst, die die Benachteiligung unseres Bildungssystems am eigenen Leib spüren mussten. Doch wie macht sich diese Benachteiligung eigentlich deutlich? Ganz einfach: Regelmäßig durchgeführte Statistiken ergeben immer wieder das gleiche Ergebnis, dass Kinder aus den sogenannten “bildungsfernen Elternhäusern” deutlich seltener ein Studium anfangen und erst recht seltener ein Studium erfolgreich abschließen als sogenannte “Akademikerkinder”. Das heißt, dass die Chancen eines Schulabsolventen, einen Studienabschluss zu erhalten, stets höher sind, wenn mindestens eines ihrer Elternteile ebenfalls ein Hochschulabsolvent ist. Die Wenigen, die nicht aus einem Akademikerhaushalt stammen, haben meistens Eltern, die zumindest eine Berufsausbildung absolviert haben. Richtige “Arbeiterkinder”, also Kinder, deren Eltern nur eine geringe formelle Bildung genossen haben und meist schlecht bezahlte, schwere Körperliche Arbeit verrichten, sind eine enorme Seltenheit an einer Universität – ganz egal, was ihre theoretischen Chancen dazu sein mögen.

Die Gründe für diese Ungleichheit sind sehr vielfältig und werden vermutlich von keiner einzigen Statistik vollständig erfasst werden können. Was feststeht ist allerdings, dass sich der Trend dafür bereits in der Grundschule, wenn nicht sogar noch früher, abzeichnet. Kinder aus Akademikerfamilien werden meistens schon früh von ihren Eltern gefördert. Sie haben die Möglichkeit, qualifizierte Nachhilfe zu erhalten, zusätzliche außerschulische Aktivitäten, wie zum Beispiel Musikunterricht, auszuüben und werden von ihren Eltern nicht zuletzt auch durch Reisen oder Ausflüge kulturell gebildet. Sie bekommen bereits früh in ihrem Leben beigebracht, dass sie mehr im Leben erreichen können. Dass sie Mal das Abitur machen, ist für sie keine Frage, sondern eine Feststellung. Auch das spätere Studium wird Kindern aus höheren Bildungsschichten häufig als selbstverständlich vermittelt.
Kinder aus bildungsfernen Schichten, die häufig auch gleichzeitig aus ärmeren Haushalten stammen, erhalten eine solche Förderung in den seltensten Fällen. Ihnen wird von Kindesbeinen an vermittelt, dass ein Studium etwas weit Entferntes, fast schon Unerreichbares sei. Für sie steht häufig früh fest, dass sie nach dem Hauptschulabschluss oder der Mittleren Reife eine solide Ausbildung machen müssen, um Geld zu verdienen und ihre Eltern möglichst früh nicht mehr zu belasten. Im schlimmsten Fall ist solchen Kindern von klein auf klar, dass sie in ihren Möglichkeiten durch finanzielle Unsicherheit vollkommen eingeschränkt sind und ihnen die meisten Türen verschlossen bleiben – selbst wenn sie alles andere als nicht intelligent genug für ein Studium wären.

Wenn ein Kind aus unterprivilegierten Verhältnissen es dann aber doch schafft, das Abitur zu machen – obwohl die zusätzliche Schulzeit die Eltern finanziell belastet – entscheidet es sich häufig dennoch gegen ein Studium. Neben den finanziellen Gründen spielen dabei auch weitere Faktoren eine Rolle. Schließlich bedeutet ein Studium auch einen organisatorischen Aufwand und wer keine Unterstützung von seiner Familie bekommen kann, fühlt sich an der Uni schnell überfordert. Wer erklärt einem, wie man sein Studium realistisch und sinnvoll plant? Wie man ein Praktikum findet? Wie man sich für ein Stipendium bewirbt? Und erst recht: Wie schafft man es, einen Auslandsaufenthalt, wie sie oft im Studium gefordert oder doch zumindest stark erwünscht sind, zu planen und vor allem zu finanzieren, wenn die eigenen Eltern doch Nichtmals verstehen können, was ein Modul ist, wie eine Prüfung abläuft oder welche Belastung mit einem Studium verbunden sein kann?

Sicher gibt es Bafög, doch zur Hälfte ist es vom Staat geliehenes Geld und Schulden ist gerade in sowieso armen Familien – vollkommen zurecht – ein rotes Tuch. Zusätzliche Nebenjobs belasten das Studium zusätzlich. Die Chancengleichheit bleibt da nur ein Traum.

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